Charles Edmund Cullen tötete über 16 Jahre lang als Krankenpfleger Patienten in amerikanischen Krankenhäusern – und das System schaute weg. Der am 22. Februar 1960 geborene Mann gilt heute als einer der Serienmörder mit den meisten Opfern in der Geschichte der USA.
Die perfekte Tarnung
Von 1987 bis 2003 arbeitete Cullen als examinierter Krankenpfleger und wechselte zwischen mindestens neun verschiedenen Kliniken in New Jersey und Pennsylvania. Seine Anwesenheit war nahezu unsichtbar – er arbeitete normale Schichten, umgeben von Kollegen und Patienten, und genoss hohes Vertrauen der Klinikleitung.
Diese Konstellation machte ihn zum fast perfekten Mörder: Er hatte täglichen Zugang zu besonders verwundbaren Menschen und zu hochwirksamen Medikamenten. Niemand hinterfragte seine Handlungen, denn Krankenpfleger gehören zum vertrauenswürdigsten Berufsstand überhaupt.
Die Methode: Digoxin als Mordwaffe
Cullen nutzte systematisch tödliche Medikamenteninjektionen, um seine Opfer zu töten. Seine bevorzugte Waffe war Digoxin – ein Herzmedikament –, das er über die intravenösen Katheter der Patienten verabreichte. Dabei missbrauchte er gezielt Schwachstellen im sogenannten Pyxis-System der Krankenhäuser – automatisierte Medikamentenausgabesysteme, bei denen er sich Zugang zu Arzneimitteln verschaffen konnte, ohne entdeckt zu werden.
Diese banale, nahezu unsichtbare Vorgehensweise erschwerte es den Kliniken, Muster zu erkennen. Die Patienten starben scheinbar an natürlichen Ursachen, und niemand dachte weiter darüber nach, dass derselbe Pfleger bei auffällig vielen Todesfällen anwesend war.
Bestätigte Morde
Cullen gestand, 40 Morde begangen zu haben, doch nur 29 davon konnten juristisch bestätigt werden. Im April 2004 gab er 13 Morde und zwei Mordversuche am Somerset Medical Center in Somerville, New Jersey zu – dem Ort seines größten Massakers. Später gestand er weitere sieben Morde und drei Mordversuche, die er in Pennsylvania verübt hatte.
Experten vermuten allerdings, dass die tatsächliche Opferzahl bei bis zu 400 Patienten liegen könnte. Viele dieser Fälle können jedoch niemals bestätigt werden, weil Krankenakten lückenhaft sind oder vernichtet wurden. Diese Unsicherheit macht den Fall zu einem der erschreckendsten Beispiele für Serienmorde im medizinischen Umfeld.
Das System versagte immer wieder
Das Schockierendste am Fall Cullen sind nicht nur die Morde selbst – es ist die Art, wie das Krankenhaussystem ihn immer wieder deckte. Mehrere Kliniken hatten Verdachtsmomente bezüglich seiner Aktivitäten, aber anstatt ihn bei der Polizei anzuzeigen oder andere Krankenhäuser zu warnen, ließen sie ihn einfach gehen.
Ein Krankenhaus erwischte ihn sogar beim Diebstahl von Narkotika, kontaktierte jedoch nicht die Behörden. Die Einrichtungen entschieden sich bewusst dagegen, seine nachfolgenden Arbeitgeber zu informieren. Sie fürchteten rechtliche Konsequenzen und Reputationsschäden mehr als weitere Todesopfer.
Dieses kollektive Versagen bedeutete, dass Cullen seine tödliche Arbeit an neuen Arbeitsorten fortsetzen konnte, wo niemand etwas von seiner Vergangenheit wusste. Ein systematisches Versagen mit tödlichen Folgen – und ein Paradebeispiel dafür, wie institutioneller Selbstschutz über Menschenleben gestellt wurde.
Festnahme und Verurteilung
Cullen wurde schließlich 2003 verhaftet, nachdem das Somerset Medical Center endlich Alarm schlug und mit den Behörden kooperierte. Im April 2004 wurde er zu elf aufeinanderfolgenden lebenslangen Haftstrafen ohne Möglichkeit auf vorzeitige Entlassung verurteilt. Heute sitzt er im New Jersey State Prison in Trenton ein.
Die Ermittlungen gestalteten sich äußerst schwierig, da viele potenzielle Beweise bereits vernichtet waren. Cullen selbst zeigte sich teilweise kooperativ, konnte sich aber an viele seiner Taten nicht mehr im Detail erinnern – oder wollte es nicht.
Kulturelle Nachwirkungen
Der Fall Cullen wurde im Buch "The Good Nurse: A True Story of Medicine, Madness, and Murder" von Charles Graeber dokumentiert, das später mit Eddie Redmayne in der Hauptrolle verfilmt wurde. Der Film aus dem Jahr 2022 zeigt nicht nur die Morde selbst, sondern vor allem das systematische Versagen der Institutionen.
Der Fall führte zu Reformen in der Überwachung von Medikamentenausgaben in US-Krankenhäusern und verschärften Meldepflichten bei Verdachtsfällen. Dennoch bleibt die Frage: Wie viele Mörder arbeiten unentdeckt in Berufen, die auf Vertrauen basieren?
Das Motiv bleibt rätselhaft
Bis heute ist Cullens genaues Motiv unklar. In Verhören gab er widersprüchliche Erklärungen ab – mal behauptete er, die Patienten von ihrem Leid erlöst zu haben, mal sprach er von einem unkontrollierbaren Drang. Psychologische Gutachten diagnostizierten verschiedene Persönlichkeitsstörungen, doch eine befriedigende Erklärung für seine Taten gibt es nicht.
Was bleibt, ist die erschreckende Erkenntnis, dass ein einzelner Mensch über Jahre hinweg töten konnte, weil Institutionen ihre Augen verschlossen – aus Angst vor Skandalen und juristischen Konsequenzen.