Die sechsteilige TV2-Dokumentarserie 'Drabet uden lig' aus dem Jahr 2018 untersucht zwei dänische Mordfälle mit einem gemeinsamen, verstörenden Element: Die Angeklagten wurden verurteilt, obwohl die Leichen der Opfer nie gefunden wurden.
Regisseur Jacob Kragelund beleuchtet in der Serie zwei spektakuläre Rechtsfälle, die fundamentale Fragen zum dänischen Justizsystem aufwerfen. Wie weit kann ein Gericht gehen, wenn das wichtigste Beweisstück – der Leichnam – fehlt?
Der Fall Henrik Haugberg Madsen – Verschwunden aus dem Ferienhaus
Am 11. November 2010 verschwand Henrik Haugberg Madsen aus einem Ferienhaus auf der Insel Enø bei Karrebæksminde südlich von Kopenhagen. Spurlos. Zwei Jahre später, 2012, wurden Bo Madsen und Claus Stokholm Larsen wegen seines Mordes verurteilt – ohne dass jemals eine Leiche gefunden wurde.
Die Dokumentation arbeitet heraus, auf welch dünnem Eis diese Mordermittlung stand. Ohne physische Beweise musste sich das Gericht auf Indizien, Zeugenaussagen und Rekonstruktionen stützen. Die Serie stellt die brisante Frage: Kann ein solches Urteil den Standards der Rechtssicherheit genügen?
Thomas Gotthard und der Tod seiner Ehefrau
Der zweite Fall dreht sich um Thomas Gotthard, der für den Tod seiner Ehefrau Maria From Jakobsen zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Auch hier: kein Leichnam, keine eindeutigen forensischen Beweise. Die Anklage stützte sich auf ein Konstrukt aus Indizien und Kronzeugen.
Gotthard beteuerte stets seine Unschuld. Die Dokumentation zeichnet nach, wie Ermittler und Staatsanwaltschaft dennoch ein Bild seiner Schuld konstruierten – und wie ein Gericht diesem folgte.
Fünf Journalisten auf Spurensuche
'Drabet uden lig' ist das Ergebnis einer aufwendigen investigativen Recherche. Ein fünfköpfiges Team unter der Leitung von Jeppe Facius hat über Monate hinweg Akten gewälzt, Zeugen befragt und Ungereimtheiten aufgedeckt. Die Arbeit mündete nicht nur in die sechsteilige Serie, sondern auch in ein gleichnamiges Buch, das noch tiefer in die Materie eintaucht.
Die sechs Episoden tragen die Titel: 'Justitsmord' (Justizirrtum), 'Lejemorderen' (Der Auftragskiller), 'Skæbnemødet' (Das Schicksalstreffen), 'Kronvidnerne' (Die Kronzeugen), 'Varevognen' (Der Lieferwagen) und 'Beviset' (Der Beweis). Jede Folge beleuchtet einen anderen Aspekt der komplexen Ermittlungsarbeit.
Paradoxien im Rechtsstaat
Die Dokumentation legt den Finger auf wunde Punkte des dänischen Justizsystems. Im Zentrum steht die Frage der Beweislast: Wie viel Beweis ist genug, um einen Menschen für den Rest seines Lebens hinter Gitter zu bringen? Und wo verläuft die Grenze zwischen begründetem Verdacht und zweifelsfrei erwiesener Schuld?
Ohne die Leichen mussten die Gerichte alternative Beweismittel heranziehen: Zeugenaussagen, die sich widersprachen; Indizien, die interpretiert werden mussten; Aussagen von Kronzeugen, die selbst in die Fälle verstrickt waren. Die Serie stellt unbequeme Fragen: Sind diese Beweise ausreichend für eine Mordverurteilung? Oder wurden hier Menschen verurteilt, weil der öffentliche Druck nach einem Schuldigen zu groß war?
Für wen lohnt sich die Serie?
'Drabet uden lig' richtet sich an alle, die sich für True Crime, Kriminalistik und Rechtssicherheit interessieren. Die Serie bietet mehr als nur spannende Unterhaltung – sie ist eine kritische Auseinandersetzung mit einem Rechtssystem, das behauptet, im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden, aber in diesen Fällen genau das Gegenteil tat.
Für deutschsprachige Zuschauer ist die Serie besonders interessant, da sie Einblicke in ein skandinavisches Justizsystem gewährt, das oft als vorbildlich gilt, aber offenbar auch gravierende Schwächen aufweist.
Fazit
Die TV2-Dokumentation 'Drabet uden lig' ist investigativer Journalismus vom Feinsten. Sie zeigt, wie wichtig es ist, Urteile zu hinterfragen – selbst und gerade dann, wenn sie rechtskräftig sind. Die Serie mahnt zur Vorsicht bei Verurteilungen ohne eindeutige Beweise und erinnert daran, dass Rechtssicherheit keine Selbstverständlichkeit ist, sondern täglich erkämpft werden muss.